
EcoAustria Studie: Industrie unter Wettbewerbsdruck
Die österreichische papierverarbeitende Industrie ist stark exportorientiert. Rund 78 Prozent des Produktionswerts werden im Ausland erzielt. Eine von EcoAustria im Auftrag von PROPAK erstellte Studie zeigt: Die Branche ist gut aufgestellt, verliert in wichtigen Absatzmärkten aber zunehmend an Boden. Hohe Arbeitskosten, schwache Produktivitätszuwächse und belastende Standortbedingungen verschärfen den Druck.
Kostenentwicklung belastet den Standort
Als größte Herausforderung für die Wettbewerbsfähigkeit identifiziert EcoAustria die Arbeitskosten. Seit 2017 sind die Lohnstückkosten in Österreich um rund 37 Prozent gestiegen – gegenüber 27 Prozent im Euroraum und 18 Prozent in Frankreich. Besonders betroffen sind Produktsegmente mit niedrigen Margen und hohem Lohnkostenanteil. Nach Einschätzung der Studie erhöht diese Entwicklung bereits den Druck, Produktionskapazitäten ins Ausland zu verlagern.
Auch Energiekosten spielen je nach Produktsegment eine wichtige Rolle. Für energieintensive Bereiche sowie indirekt über die vorgelagerte Papierherstellung wirken sie als zusätzlicher Kostenfaktor. Als Standortnachteil bewertet die Studie insbesondere, dass in Österreich eine mit anderen EU-Mitgliedstaaten vergleichbare Strompreiskompensation bis 2030 fehlt.
Österreich verliert Marktanteile
Zwischen 2017 und 2024 stiegen die Exporte der untersuchten Produktgruppen nominell von 1,66 auf 1,84 Milliarden Euro. Gleichzeitig wuchsen viele Zielmärkte schneller als die österreichischen Ausfuhren. In der überwiegenden Mehrheit der wichtigsten Märkte verlor Österreich daher Marktanteile. Besonders deutlich zeigt sich das in Deutschland, dem wichtigsten Einzelmarkt: Dort sank der aggregierte Marktanteil österreichischer Anbieter von 10,3 auf 8,0 Prozent.

Auch bei Verpackungen, der volumenstärksten Produktgruppe der Branche, wird der Wettbewerbsdruck sichtbar. Zwar stiegen die exportierten Mengen nach Deutschland leicht, der erzielte Wert pro Einheit ging jedoch deutlich zurück. Darin spiegelt sich der zunehmenden Preisdruck. Selbst komparative Spezialisierungsvorteile schützen nicht vor Marktanteilsverlusten.
Polen gewinnt deutlich an Boden
Polen ist laut EcoAustria der mit Abstand größte Gewinner in den österreichischen Kernexportmärkten und konnte in 27 von 48 untersuchten Markt-Produktgruppen-Kombinationen Marktanteile gewinnen. Im Durchschnitt betrug der Zuwachs 2,1 Prozentpunkte. China folgt mit Zugewinnen in 26 Kombinationen und durchschnittlich 0,9 Prozentpunkten.

Der Erfolg Polens ist eng mit einem Modernisierungsschub bei Produktionsanlagen verbunden. Gemeinsam mit deutlich niedrigeren Lohnkosten entsteht daraus ein struktureller Kostenvorteil. Seit 2017 stieg die reale Arbeitsproduktivität in Polen um 25 Prozent, in Österreich lediglich um vier Prozent. Auch die Slowakei mit plus 20 Prozent und Ungarn mit plus 17 Prozent entwickelten sich deutlich dynamischer. Nicht nur Österreich, auch Deutschland verliert als größter Einzellieferant in den österreichischen Kernmärkten netto Marktanteile. Der Wettbewerbsdruck trifft folglich etablierte westeuropäische Anbieter insgesamt.

Strukturwandel verändert die Nachfrage
Zusätzlich zum Kostendruck wirkt sich die schwache wirtschaftliche Entwicklung in Europa auf die Branche aus. Besonders die Strukturkrise der deutschen Industrie belastet die Absatzperspektiven. Für Verpackungshersteller gilt dabei ein einfaches Prinzip: Verpackt wird dort, wo produziert wird. Werden industrielle Produktionsaktivitäten nach Asien verlagert, wandert damit auch ein Teil der Nachfrage nach Verpackungen aus Europa ab.
Bedingte Chancen
Gleichzeitig eröffnen sich aber auch neue Chancen. Die Substitution von Kunststoff durch Papier sowie die wachsende Bedeutung des E-Commerce können zusätzliche Nachfrage schaffen. Dieses Potenzial lässt sich laut EcoAustria jedoch nur dann nutzen, wenn die Produktion am Standort Österreich international wettbewerbsfähig bleibt.
Fünf Ansatzpunkte für mehr Wettbewerbsfähigkeit
EcoAustria leitet aus den Ergebnissen fünf wirtschaftspolitische Handlungsempfehlungen ab:
- Erstens sollen die Lohnkosten in den kommenden Jahren nur sehr zurückhaltend steigen und die Lohnnebenkosten gesenkt werden, um die Kostendifferenz zu wichtigen Wettbewerberländern zu verringern.
- Zweitens empfiehlt die Studie flexiblere Arbeitszeit- und Zuverdienstregeln, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
- Drittens sollen Betriebsanlagengenehmigungsverfahren durch verbindliche Fristen, Digitalisierung und weitere Maßnahmen beschleunigt werden, um Investitionshemmnisse abzubauen.
- Viertens fordert EcoAustria, Gold-Plating bei der Umsetzung europäischer Vorgaben zu vermeiden. Europäische Rechtsakte sollten grundsätzlich 1:1 und ohne zusätzliche nationale Zusatzanforderungen umgesetzt werden. Besonders bei der EU-Verpackungsverordnung PPWR sollen damit asymmetrische Wettbewerbsbedingungen im Binnenmarkt vermieden werden.
- Fünftens rückt die Studie die Produktivität in den Mittelpunkt. Österreichs Vorsprung gegenüber osteuropäischen Wettbewerbsstandorten ist deutlich geschrumpft. Leistungsfähige digitale Infrastruktur und steuerliche Anreize für private Investitionen in Digitalisierung sollen Modernisierung, Automatisierung und Prozessoptimierung erleichtern.
Die Studie zeigt zusammenfassend, dass Österreichs papierverarbeitende Industrie über starke Exportpositionen und Spezialisierungsvorteile verfügt. Um diese zu sichern und neue Wachstumschancen zu nutzen, braucht es aber bessere Rahmenbedingungen für Kosten, Investitionen und Produktivität.
Zur Studie: Wie wettbewerbsfähig ist die österreichische PROPAK-Industrie im internationalen Vergleich? Dieser Frage ging eine Studie von EcoAustria im Auftrag von PROPAK nach. Untersucht wurden die zentralen Herausforderungen für industrielle Hersteller von Produkten aus Papier und Karton am Standort Österreich sowie ihre Position auf wichtigen internationalen Absatzmärkten. Grundlage sind Experteninterviews, wirtschaftliche Kennzahlen und eine Auswertung internationaler Handelsdaten für den Zeitraum 2017 bis 2024.