
Packaging Dialog 2026: Auf Sicht im Blindflug – Orientierung im Chaos
Unvorhersehbarkeit ist zum Dauerzustand geworden: Geopolitische Spannungen, Zölle, hohe Energiekosten und ein fragmentierter Weltmarkt stellen auch die Verpackungsindustrie vor neue Herausforderungen. Welche Strategien jetzt zählen, diskutierten Expert:innen beim Packaging Dialog 2026 von PROPAK Austria, Pro Carton und CASH Handelsmagazin.
Martin Widermann (PROPAK Austria) und Horst Bittermann (Pro Carton) begrüßten die zahlreichen Gäste, Bittermann führte durch den Abend und brachte (auch) erfreuliche Nachrichten mit.

Eine starke Branche mit klarem Auftrag
Horst Bittermann, Director General von Pro Carton, betonte die strategische Bedeutung der Branche: Kartonverpackungen sind integraler Bestandteil der Wertschöpfung in Industrie, Lebensmittelhandel und Pharmabereich. Zugleich wächst der internationale Druck: Zölle und Handelsbarrieren belasten Exporte, während Europa weiterhin mit Verpackungen ohne Zölle aus dem Fernen Osten konkurrieren muss. „Unsere Industrie steht zusammen. Überall auf der Welt versuchen Staaten, den Handel über Tarife zu regulieren, etwa in der Türkei oder in Mexiko. Und weil es in Europa noch immer keine Zölle für Verpackungen aus Far East gibt, sind die Margen für uns zu gering, um unser langfristiges Überleben zu sichern.“
Kreislaufwirtschaft als Wettbewerbsvorteil
Seit 12. August 2026 ist die Europäische Verpackungsverordnung (PPWR) in allen EU-Mitgliedstaaten anwendbar; einzelne Anforderungen greifen stufenweise. Für die Kartonbranche ist das eine Chance: Recycelbare, auf erneuerbaren Rohstoffen basierende Verpackungen treffen den Zeitgeist: Die Karton-Verpackungsindustrie sieht sich gut für die Kreislaufwirtschaft gerüstet: Rohmaterial und Maschinen kommen fast zur Gänze aus Europa. Für Brand Owner ist die Verpackung das Gesicht des Produkts. Sie sind auch verantwortlich für die Recyclierbarkeit und werden spätestens ab 2030 Unterstützung benötigen. Und 89 Prozent der Kunden bevorzugen Karton- gegenüber Kunststoffverpackungen und wünschen sich Recyclierbarkeit sowie erneuerbare Rohstoffe.
Gleichzeitig bleibt die Regulierung ein Kostenfaktor. Unterschiedliche EPR-Gebühren in der EU beeinflussen Materialentscheidungen erheblich. Die Branche fordert daher klare europäische Regeln, weniger Bürokratie und die PPWR als alleiniges verpackungsrechtliches Regelwerk.

Wachstum braucht Investitionen und Tempo
Dr. Martin Wrulich, Senior Partner bei McKinsey Österreich, zeichnete ein deutliches Bild: Europa investiert im Vergleich zu China und den USA zu wenig; China kommt auf 20 bis 30 Prozent, Europa nur auf 3,5 Prozent. Österreich verfügt zwar über rund 140 Weltmarktführer, kämpft aber mit zu wenigen Arbeitsstunden pro Kopf, hohen Standortkosten und unzureichender Umsetzung von Forschung in Produkte und Patente.
Für die Verpackungsindustrie nennt Wrulich vier Hebel: Skalierung, Portfolioentwicklung, klareres Wertversprechen sowie Transformation der Operations mit KI. Apropos KI: Künstliche Intelligenz kann laut Wrulich 50 bis 70 Prozent relevanter Aufgaben automatisieren und das EBITDA um 15 bis 25 Prozent steigern. Entscheidend sei jedoch, Prozesse von Anfang bis Ende neu zu denken, nicht nur einzelne KI-Tools einzuführen, und zugleich die Unternehmenskultur zu verändern.

Podium: Kreisläufe stärken, Kosten senken
In der Diskussion mit Selina Stiefel (CASH), Alexander Loimayr (MM Board & Paper), Ralph Joser (Schwarzach Packaging), Martin Wrulich (McKinsey) und Horst Bittermann (Pro Carton) war man sich einig: Funktionierende Sammel-, Sortier- und Recyclingsysteme sind zentral für unabhängige, wettbewerbsfähige europäische Wertschöpfungsketten. Noch sind die Systeme in Europa jedoch zu unterschiedlich. Ralph Joser verwies auf eine weitere Veränderung: Nachhaltigkeit ist längst Standard, Differenzierung entstehe künftig vor allem durch Innovation, Funktionalität und Kostenwettbewerbsfähigkeit.

Einen ausführlichen Bericht zur Veranstaltung lesen Sie hier.
Fotos © Klaus Titzer
Der nächste Packaging Dialog findet am 5. Oktober 2027 in der Marx Restauration statt, mit Preisverleihung des 10. Carton Austria Awards und des PROPAK Austria Young Designers Award.